Schreiben sei wie schwimmen, die Sprache wie das Wasser – man tauche in sie ein, sagt Wilhelm Hengstler. Früher ist er selbst viel geschwommen, heute mit 83 schreibt er nach wie vor.
An „Zulm“ hat Hengstler mehr als 20 Jahre gearbeitet, immer wieder sozusagen seine Bahnen gezogen – ein Langstreckenschreiber: „Die Initialzündung ist 2003 passiert, als ich meine Tochter in Indien besuchte. Und das erste Konzept war, einen ganz schmalen, eleganten Kriminalroman zu schreiben. Der Anfang des Buches hatte ja viel zu tun mit einem Kriminalroman, mit einem klassischen Beginn. Und dann ist mir das Ganze aus der Hand geglitten oder aus der Absicht.“
Viel mehr als ein Krimi
„Zulm“ ist nicht nur ein Krimi, in dem der Protagonist mit österreichischen und indischen Wurzeln nach verschwundenen Gemälden sucht, sondern auch ein Reiseroman, ein Familienroman und vieles mehr jenseits der literaturbetrieblichen Etikettierung. Wer sich einlässt, den nimmt Hengstler mit in ein Leseabenteuer. Der Autor lässt seinen Ich-Erzähler namens Lucas Mishra Gupta und mit ihm die Leser durch die Welt und die Kunstwelt wandern. Gupta ist kein klassischer Held, sondern in dem fast 500 Seiten starken Roman ein Erzähler der Momente.
Auf Wien als Schauplatz folgt Graz, folgt Indien, folgt England, folgt wieder Indien, für das der oftmalige Indien-Reisende Hengstler, der auch Filmregisseur ist, viele Bilder und Stimmungen findet: „Ich habe mich in Indien immer total sicher gefühlt. Aber in Wahrheit ist natürlich Indien so wie ein bewegtes Meer, über das man Öl schüttet, damit sich die Wogen glätten. Aber jeden Moment kann diese glatte Oberfläche reißen, und das Chaos bricht aus.“
„Zulm“ – der Titel des Romans – ist ein wichtiger Begriff in der arabischen Sprache: Er bedeutet Willkür, Unterdrückung, Tyrannei und Grausamkeit. Diese Erklärung stellte Wilhelm Hengstler seinem Roman voran: „Vielleicht ist es ein tief in mir versteckter Pessimismus, bezüglich der Welt oder der Menschheit.“
„Wie lange bin ich noch?“
Es gehe ihm im Grunde um den Prozess des Schreibens an sich, sagt Wilhelm Henglster, alleine sein mit Gedanken, Bildern und der Sprache und alles in Fluss bringen. Wenn die Seiten zwischen Buchdeckeln gebunden sind, das Buch fertig ist, dann gebe er es frei. „Was ich mich langsam öfters frage: Wie lange bin ich noch? Bin das noch ich, wo man sich altersbedingt Stück für Stück abhanden kommt? Wie lange ist man Ich? Keine Ahnung. Ich bin dabei, das jetzt auszutesten. Ich bin fast 83, und es ist sozusagen mein Abschiedsgeschenk an mich.“ Mit dem Schwimmen hat Wilhelm Hengstler mittlerweile aufgehört, mit dem Schreiben nicht.