Fairnesszone am Donaukanal
Hannah Ludmann
Hannah Ludmann
Stadtleben

Stadtpsychologie sucht Kompromisse

Vom Donaukanal bis ins Grätzl: Die Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer-Rosinak arbeitet seit über 20 Jahren an neuen Wegen im Umgang mit Konflikten in der Stadt – und für mehr Miteinander im öffentlichen Raum.

An der Uferpromenade des Donaukanals treffen täglich Fußgängerinnen und Fußgänger, Menschen mit Hunden, mit Kinderwagen und viele Radfahrende aufeinander. Das kann auch mal zu Unstimmigkeiten führen. „Die Konflikte, die es heute am Donaukanal gibt, bestehen schon lange“, sagte Ehmayer-Rosinak. Ein Aspekt aber habe sich geändert: Immer mehr Menschen sind mit dem Rennrad und hohem Tempo unterwegs, was vermehrt Konflikte bringt.

Aus diesem Grund verläuft von der Friedensbrücke bis zur Urania die sogenannte Fairnesszone. Blaue Markierungen kennzeichnen die Zone entlang des Ufers. Sie soll für ein respektvolles Miteinander der Menschen auf der Promenade sorgen. „Man kann nicht alles voneinander trennen – manche Dinge funktionieren am besten mit Fairness“, so Ehmayer-Rosinak.

Fairnesswoche

9. bis 24. Mai 2025: Uferpromenade Donaukanal, 1090 Wien

Wie geht’s Wien?

Die gelernte Gesundheitspsychologin ist auch Stadtpsychologin in und für Wien. Vor über 20 Jahren gründete sie die Stadtpsychologie. Seitdem „legt sie Wien auf die Couch,“ untersucht das Wesen der Stadt und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Im Rahmen ihrer Arbeit als Stadtpsychologin entwickelte sie die Fairnesszonen vor Jahren mit und kuratiert nun auch die Fairnesswochen am Donaukanal.

Diese finden im Bereich der Fairnesszonen statt und sollen durch verschiedene Aktivitäten auf ein rücksichtsvolles Miteinander aufmerksam machen. In dieser Zeit wird der Fuß- und Radverkehr zwischen Salztor- und Marienbrücke durch einen neuen Zwei-Richtungs-Radweg getrennt. „Die Menschen, die hier von Konflikten betroffen sind, sind froh, dass es uns gibt, weil wir anstelle von ihnen in die Auseinandersetzung gehen“, sagte Ehmayer-Rosinak.

Donaukanal
Hannah Ludmann
Der Schleusenpark am Donaukanal

Grätzllabore für mehr Beteiligung

Doch auch anderswo sieht die Stadtpsychologin Konfliktpotenzial. Neben den Herausforderungen im täglichen Miteinander am Donaukanal beschäftigt sich Ehmayer-Rosinak auch mit übergeordneten gesellschaftlichen Themen. Sie beobachte in den letzten Jahren einen Demokratieschwund: „Beteiligung heißt, dass alle mitmachen können, die hier wohnen und arbeiten.“ Wenn jedoch über ein Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner in einem Bezirk gar nicht wählen dürfen, würde das Gefühl der Ausgeschlossenheit verstärkt – und die Hürde für eine Beteiligung höher.

Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer-Rosinak
Christian Fürthner
Cornelia Ehmayer-Rosinak

Um das Engagement und demokratische Prozesse in den Bezirken anzuregen, wurden sogenannte Grätzllabore errichtet. Die Stadtpsychologie ist Teil der Initiative, die es mittlerweile in zwölf Wiener Bezirken gibt. Dort können Anrainerinnen und Anrainer Ideen zum jeweiligen Bezirk einbringen, diskutieren und umsetzen.

Mit der Temperatur steigt das Konfliktpotential

Ein Thema, das in den Grätzellaboren immer wieder besprochen wird: der Klimawandel in der Stadt. Wien zählt laut einer Studie aus dem Jahr 2019 zu den Städten Europas, die am meisten von der Klimaerwärmung betroffen sind. Die Folgen machen sich besonders durch Hitzewellen für die Bewohnerinnen und Bewohner bemerkbar. „Die Hitze wird auch in diesem Sommer zu Konflikten im öffentlichen Raum führen“, ist sich Ehmayer-Rosinak sicher: „Der Druck auf den öffentlichen Raum steigt, sobald es heiß ist.“

Die Stadt Wien setzt daher auf Maßnahmen wie coole Zonen, mehr Begrünung oder neue Asphaltarten. Laut der Stadtpsychologin ein guter Ansatz, der jedoch stärker einer wienweiten Strategie folgen könnte. „Es braucht noch mehr“, findet die Stadtpsychologin. Ihr Tipp für heiße Tage in der Stadt: der Donaukanal. Dort gehen dann auch die Fairnesswochen im Herbst in eine neue Runde.