Eine Frau steht vor einer Schultafel in einer Volksschule mit Schülerinnen.
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Bildung

Sechs Jahre Volksschule: Wien will Testregion sein

NEOS Wien will die Volksschule auf sechs Jahre verlängern. Wien könnte nach den Plänen von Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (NEOS) eine Modellregion werden. Auch für die Kindergärten plant sie Reformen.

Österreich hat ein stark gegliedertes Schulsystem: neun Jahre Schulpflicht, beginnend mit vier Jahren Volksschule. Bereits mit zehn Jahren wird entschieden, ob Kinder in die Mittelschule oder ins Gymnasium wechseln. „Wir halten die Trennung von zehnjährigen Kindern in gute und schlechte Schüler nicht für förderlich, das ist auch nachweislich nicht förderlich“, sagte Emmerling in „Wien heute“.

Dieses Modell ist historisch gewachsen. Maria Theresia hat 1774 eine Schulreform eingeleitet, damals waren sechs Jahre Schulpflicht. Danach gab es eine Schulreform 1918 und dann das Schulgesetz von 1962, das die Schulpflicht auf neun Jahre verlängert hat.

Pilotprojekt im Regierungsprogramm

Jetzt kommt erneut Bewegung in eine jahrzehntelange Debatte, nämlich durch die gemeinsame Schule für Sechs- bis 14-Jährige. „Wir haben in Wien immer gesagt, wir stehen bereit, so eine Modellregion zu sein. Die Diskussion um die Gesamtschule ist ja leider sehr festgefahren.“ Im Regierungsprogramm der Wiener SPÖ-NEOS-Koalition ist ein Pilotprojekt verankert. Auch auf Bundesebene sieht das Regierungsprogramm Modellregionen vor, die wissenschaftlich begleitet werden sollen.

Europaweit ist Österreich mit vier Jahren Volksschule eher die Ausnahme. In den meisten EU-Ländern dauert die Primarstufe sechs Jahre oder länger. Ob und wann das Wiener Pilotprojekt kommt, ist derzeit noch unklar. Die Debatte über das Thema Gesamtschule der Sechs- bis 14-Jährigen hat mit der Bereitschaft Wiens als Modellregion jetzt aber neuen Schwung bekommen.

Bildungsexpertin Susanne Schwab über die Chancen einer Schulreform

Eine Verlängerung der Volksschule kann den Leistungsdruck bei Kindern verringern.

Expertin: „Wünschenswerter Schritt“

Als „wünschenswerten Schritt“ bezeichnete die Bildungswissenschaftlerin Susanne Schwab von der Universität Wien eine mögliche Verlängerung der Volksschulzeit. „Wir selektieren zu früh, und damit zementieren wir Bildungslaufbahnen einfach bereits nach vier Jahren.“ Durch die Verlängerung können sich die Kinder weiterentwickeln, und der Leistungsdruck wird reduziert.

Die zwei zusätzlichen Jahre müssten jedoch „pädagogisch gut“ genützt werden. Schülerinnen und Schüler mit einem besonderen Förderbedarf oder mit weniger Unterstützung könnten profitieren. Wenn die derzeitige Aufsplittung aber einfach nach hinten geschoben wird, sei das der falsche Weg, betonte Schwab. Dafür brauche es zusätzliche Ressourcen und entsprechende pädagogische Begleitmaßnahmen.

Kampagne für Kindergartenreform

Am Montag startete NEOS zudem eine Kampagne für die geplante Kindergartenreform. Mit Plakaten und Initiativen im öffentlichen und digitalen Raum wollen sie unter dem Kampagnenmotto „Das, was wirklich zählt“ auf den Reformprozess aufmerksam machen. Damit sei vor allem die Chance auf ein „selbstbestimmtes Leben“ für jedes Kind gemeint, dessen Fundament im Kindergarten gelegt werde. Man wolle den „Kindergarten neu denken“, sagte Emmerling erneut.

Darunter falle etwa die Öffnung des Kindergartens für weitere „bildungsrelevante Berufe“ in der Verwaltung genauso wie im pädagogischen Bereich. Derzeit reglementiert das Kindergartengesetz, welche Berufsgruppen in Kindergärten tätig sein können. Die Bildungsstadträtin will hier „hinschauen, wie wir dieses Berufsfeld bzw. diesen Berufsort öffnen können“. Neben Logopäden und Ergotherapeutinnen sollen auch Quereinsteigerinnen zum Einsatz kommen, deren Einstieg Emmerling erleichtern will.

Broschüre zur neuen Kindergartenkampagne der NEOS Wien
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Mit der Kampagne will NEOS Bewusstsein für die Bedeutung des Kindergartens schaffen

Mit den Maßnahmen im Rahmen des Reformprozesses sollen verbesserte Rahmenbedingungen für Kindergartenpädagoginnen und Kinder – zum Beispiel mehr Sprachförderung und Zeit für die individuelle Betreuung – gewährleistet werden. Die Kampagne sei ein „politisches Versprechen“ von NEOS für den „Einsatz für den Kindergarten“, meinte NEOS-Landesgeschäftsführer Philipp Kern anlässlich der Präsentation.

Kritik von Oppositionsparteien

Kritik aus der Opposition an der Kampagne ließ nicht lange auf sich warten. Die drei Oppositionsparteien FPÖ, Grüne und ÖVP äußerten in Aussendungen ihren Unmut. Maximilian Krauss, Bildungssprecher und Klubobmann der Wiener FPÖ, sah in der Kampagne einen weiteren „Beleg für die jahrelange Untätigkeit“ von NEOS. Eine Kampagne ersetze keine Reformen, etwa bei Sprachkenntnissen, Personal und Qualität.

Auch die Bildungssprecherin und der Bildungssprecher der Wiener Grünen, Julia Malle und Felix Stadler, bemängelten, es sei fahrlässig, dass sich NEOS „lieber mit schönen Schlagworten“ beschäftige, anstatt sich „gravierenden Problemen“ zu widmen. Die Situation für Kinder, Pädagoginnen und Pädagogen und Eltern habe sich in den letzten fünf Jahren unter Zuständigkeit von NEOS nicht verbessert.

Kampagne ersetzt laut ÖVP Fördermittelkontrolle nicht

Als „absurdes Ablenkungsmanöver vom pinken Totalversagen in Wiens Kindergärten“ und „Selbstbeweihräucherung“ bezeichnete Harald Zierfuß, Klubobmann der Wiener ÖVP, die Kampagne. Sie sei kein Ersatz für Deutschförderung, personelle Aufstockung und funktionierende Fördermittelkontrolle. Emmerling bestätigte bei der Pressekonferenz auf Nachfrage, dass der Startschuss für die Reform des Fördersystems für Kindergärten weiterhin für März geplant sei.