ME/CFS-Betroffener mit Augenmaske und Gehörschutz in Bett liegend
Deutsche Gesellschaft für ME/CFS/Lea Aring
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Gesundheit

ME/CFS: Reich für Reform bei Gutachten

Österreichs oberste Gesundheitsbeamtin Katharina Reich sieht Reformbedarf bei der Begutachtung der von postviralen Syndromen wie Post Covid und ME/CFS Betroffenen. Es brauche „neue Rahmenbedingungen“, sagte sie bei einem Symposium der MedUni Wien.

Reich verwies auf die sozialen Folgen von Fehlbegutachtungen. „Es prolongiert das Leiden, es prolongiert das Nicht-Wiederaufnehmen-Können vielleicht eines beruflichen Themas“, „weil die falschen Entscheidungen getroffen werden“, sagte sie. Bei dem Symposium des Nationalen Referenzzentrums für postvirale Syndrome der MedUni Wien wurden am Montagabend aktuelle Diagnostik- und Therapie-Optionen vorgestellt.

Vor allem PVA in der Kritik

In den vergangenen Jahren geriet vor allem die Pensionsversicherungsanstalt (PVA) wegen deren Umgang mit ME/CFS- und Post-Covid-Betroffenen in Kritik. Wie etwa eine im Vorjahr veröffentlichte gemeinsame Recherche von ORF, APA und Dossier aufzeigte, fallen Betroffene oft um Ansprüche wie eine Invaliditätspension um. Ihnen wird in den Gutachten oft Arbeitsfähigkeit attestiert, obwohl sie teils drastische Einschränkungen schildern. Zudem werden ihre Diagnosen oft nicht anerkannt oder abgeändert.

„Unser Augenmerk muss darauf liegen, dass die Rahmenbedingungen für alle leichter werden“, sagte Reich. Mit „alle“ meint Reich auch die Gutachterinnen und Gutachter. Man müsse diesen die Möglichkeit geben, „in dieser komplexen Situation nicht ‚Ho-Ruck‘ antworten zu müssen“, wie man das „vielleicht fälschlicherweise erwartet, weil das bei anderen Krankheiten vielleicht auch möglich ist“. Man müsse Druck „aus dem System herausnehmen“, nämlich die Annahme, der Gutachter müsse „eine Entscheidung treffen“.

Reich: Personen „absichern“

Man müsse, den Betroffenen ermöglichen, so schnell wie möglich wieder in ein berufliches und soziales Leben zurückzukehren, führte die Gesundheitsbeamtin weiter aus. „Oder aber gleichzeitig auch klarzustellen: Das ist derzeit auf nicht absehbare Zeit nicht möglich.“ Und dann müsse man diese Personen auch entsprechend absichern, betonte Reich. Man wisse, dass das Nicht-Absichern Folgeleid verursache.

Auch verwies Reich auf die von postviralen Syndromen betroffenen Kinder und Jugendliche: Es gebe Folgehürden, „wenn die richtige Therapie zu spät kommt oder die falsche Therapie eingesetzt wird, sodass sich Krankheiten so weit verschlechtern, dass dann eine Genesung noch schwerer möglich ist.“

Rechtsexperte: Alle Befunde berücksichtigen

Der Medizinrechtsexperte Johannes Zahrl pflichtete Reich bei: Sachverständige müssten „dem medizinischen Standard entsprechend“ entscheiden, sagte der Direktor des Instituts für Medizinrecht der Ärztekammer, Universitätsprofessor und Autor zahlreicher Publikationen zum Thema Gutachten und Medizinrecht.

Auch müssten Gutachter bzw. Gutachterinnen die von den Betroffenen mitgebrachten Befunde berücksichtigen, betonte Zahrl: „Ein Sachverständiger, der nicht sämtliche am Tisch liegenden relevanten Befunde studiert und auswertet, ist mit Sicherheit kein besonders guter Gutachter.“

Auch sprach Zahrl die teils immer noch bestehende Haltung einiger Mediziner und Medizinerinnen an, postvirale Krankheiten per se in Zweifel zu ziehen: „Das ist ein Fehler, der darf in der Begutachtung nicht vorkommen.“ Und man müsse auch seine fachlichen Grenzen kennen.

Fehlentscheidungen machen System teurer

„Jede Fehlentscheidung – ob das eine Diagnose, eine falsche Therapie, ein falsches Gutachten im Gesundheitswesen ist – macht unser System teurer, immer“, betonte Zahrl. Es sei eine „völlige Kurzsichtigkeit“ zu glauben, dass es für einen Träger billiger werde, wenn ein Sachverständiger eine Leistung als nicht gerechtfertigt einstuft. Zudem seien Sparmaßnahmen nicht Sache der Sachverständigen.

Als ein Problem bewertete Zahrl auch die schlechte Honorierung von Gutachten, die er als „Skandal“ bezeichnete. Aber: Dies rechtfertige nicht, dass sich Gutachter den aktuellen Wissensstand nicht aneignen.

Grüne: Worten müssen Taten folgen

Grundsätzlich erfreut reagierten die Grünen: „Es ist aus unserer Sicht positiv, dass die Chief Medical Officer von notwendigen neuen Rahmenbedingungen spricht. Das ist ein wichtiges Signal“, so Gesundheitssprecher Ralph Schallmeiner in einem Statement. Die Betroffenen würden seit Jahren mit Fehlbegutachtungen kämpfen, „die ihr Leid verlängern und sie in existenzielle Not bringen“. Umso wichtiger sei es, „dass den Worten Taten folgen“.