Bewilligt war ein Umbau – de facto wurde es ein Abriss. Zwar ließ das Baurechtsamt die Baustelle vor wenigen Wochen stoppen, doch Vertreter der Baubranche kritisierten scharf, dass die Stadt nicht früher eingeschritten sei – bevor die Wände dem Erdboden gleichgemacht wurden.
Einer der Kritiker ist Stadtbaumeister Markus Voglreiter, der selbst schon viele Projekte in der geschützten Altstadt umgesetzt hat. „Das Bild dieser Baustelle erinnert mich an den Film ‚Der Schuh des Manitu‘, wo vorne eine Fassade ist, die dann irgendwann zusammenbricht. Das ist unfassbar für mich. Bei derartig großen und sensiblen Gebäuden, wo die Baubehörde ja immer unterwegs ist in der Stadt, da, muss ich sagen, war man auf beiden Augen blind“, kritisierte Voglreiter.
Erste Beschwerden kurz vor Weihnachten
Von dem fünfgeschoßigen Haus in der Kaigasse 28 steht seit einigen Wochen nur noch der Keller und die Fassade, Stahlträger stützen die übriggebliebene Frontmauer. Der offizielle Baubeginn war bereits im Juli vergangenen Jahres, den Baustopp verhängte die Stadt am 21. Jänner. Bürger hätten allerdings schon kurz vor Weihnachten auf Lärm- und Schuttentwicklung hingewiesen, so Andreas Schmidbaur, Abteilungsvorstand der städtischen Raumplanung und Baubehörde.
Behörde verweist auf hohe Belastung
Auf die Vorwürfe nicht rechtzeitig reagiert zu haben, entgegnete er, man kontrolliere hunderte Projekte gleichzeitig, und die Entkernung sei durch den Bauträger in diesem Fall so rasch erfolgt, dass sie nicht bemerkt worden sei. Auch „weil es dort eine Baustelleneinrichtung gibt und einen genehmigten Umbau, der durchaus eine größere Baumasse betroffen hat und die Fassade des Gebäudes ja stehengeblieben ist. Also, wir sind keine Detektive, die regelmäßig in der Tiefe der Grundstücke Nachschau halten, ob einzelne Wände stehen bleiben oder nicht. Das ist personell nicht machbar“, verteidigte Schmidbaur das Vorgehen der Behörde.
Planungsstadträtin Anna Schiester von der Grünen Bürgerliste betonte, dass sich die Situation verbessern müsse: „Ich bin entsetzt, dass so etwas in der Altstadt passiert. Man muss jetzt bei allen Stellen hinschauen, wie so etwas passieren kann und wo man nachschärfen und in Zukunft schärfer kontrollieren muss. Das werden wir auch bei mir in der Behörde besprechen. Ich habe mir den Akt bringen lassen, wir werden das aufarbeiten und – sollte es notwendig sein – die notwendigen Konsequenzen ziehen, indem wir auch die Behördenarbeit verbessern.“
Mit Vorfällen wie diesen in der Salzburger Altstadt würden sich andere Baumeister jedenfalls gefrotzelt vorkommen, sagte Voglreiter: „Also, ich habe so etwas in meiner Karriere – und ich bin seit 1995 Baumeister in dieser Stadt – noch nicht gesehen.“
Kritik an Altstadthaus-Abriss in Kaigasse
Nach dem Teilabriss eines Hauses in der Salzburger Altstadt kommt jetzt Kritik aus der Baubranche. Wie berichtet ist das Haus in der Kaigasse ohne Bewilligung komplett entkernt worden. Es sei unverständlich wie das möglich war, so die Kritiker. Denn normalerweise schaue die Behörde bei Bauten in der Innenstadt sehr genau hin.
Preisvorteil bei Neubau statt Sanierung
Der Baumeister schätzt den Preisvorteil eines Neubaus gegenüber einer Sanierung auf rund eine Million Euro. Im konkreten Fall fiele durch die Errichtung eines Neubaus auch der gedeckelte Mietzins weg, der für den Altbau gegolten hätte. Das bestätigte der auf Immobilienrecht spezialisierte Rechtsanwalt und Berater der KPÖ Plus, Dominik Öllerer: „Wenn ein Gebäude komplett neu errichtet wird, unterliegt es nicht mehr dem Vollanwendungsbereich des Mietrechtsgesetzes. So bekomme ich den Mietendeckel weg und kann wesentlich teurer vermieten. Und auch beim Verkauf lassen sich deutlich höhere Preise erzielen, weil die Weitervermietung ja auch keinem Deckel mehr unterliegt.“
Geplant sind „exklusive Wohnresidenzen“
Die maximale Verwaltungsstrafe für den widerrechtlichen Abriss beträgt fünfundzwanzigtausend Euro.
Weder die ausführende Baufirma, die als „Bauführerin“ auch vom Verwaltungsstrafverfahren betroffen ist, noch der Bauherr wollten dem ORF eine Stellungnahme geben. Letzterer ist eine Tochtergesellschaft der deaurea GmbH: An dieser hält die Mark Mateschitz Beteiligungs GmbH rund 42 Prozent der Anteile. Mehrheitseigentümerin ist mit knapp 58 Prozent die Creneaux Holding von Volker Viechtbauer, der ein enger Vertrauter von Dietrich Mateschitz war.
Der Projektbetreiber preist im Internet bis zu zweihundertsechzig Quadratmeter große exklusive Eigentumswohnungen im wörtlich „historisch wertvollsten Viertel der Stadt“ an. Auf der Website ist die Fertigstellung der Wohnresidenzen für 2027 angekündigt.